Schrift, Tradition, Lehramt

Warum die katholische Kirche die Bibel treu bewahrt und auslegt

Die Bibel ist aus dem Leben des Gottesvolkes hervorgegangen und der Kirche anvertraut. Darum liest die katholische Kirche sie nicht isoliert, sondern in der lebendigen Überlieferung des Glaubens.

Die Bibel fiel nicht vom Himmel als PDF

Bevor es ein fertiges Neues Testament gab, gab es die Kirche: die Apostel, die Verkündigung, die Eucharistie, die Taufe, das Gebet und das Zeugnis der Märtyrer. Die Schrift ist nicht weniger göttlich, weil sie in dieser Geschichte gewachsen ist. Aber sie ist auch nicht von dieser Geschichte zu trennen.

Darum fragt die katholische Kirche nicht nur: „Was bedeutet dieser Satz für mich?“ Sie fragt auch: „Wie hat die Kirche diesen Glauben von Anfang an empfangen, gelebt, gebetet und bewahrt?“

Das Lehramt dient dem Wort

Das kirchliche Lehramt steht nicht über dem Wort Gottes, als könnte es die Bibel beliebig umdeuten. Sein Auftrag ist dienend: den Glauben der Apostel treu zu bewahren, Irrwege zu benennen und der Kirche Orientierung zu geben.

Ohne einen solchen Dienst wird Auslegung schnell zur Abstimmungssache. Dann entscheidet am Ende nicht mehr die überlieferte Wahrheit, sondern wer rhetorisch stärker ist, kulturell besser passt oder die größere Plattform hat.

Zersplitterung ist ein ernstes Warnsignal

Der protestantische Raum zeigt in seiner Vielfalt auch etwas Schmerzhaftes: Wenn jeder letzte Ausleger der Schrift sein kann, entstehen sehr schnell sehr unterschiedliche Antworten auf Taufe, Eucharistie, Amt, Heiligung, Moral und Kirche. Viele Christen dort lieben Jesus aufrichtig und lesen die Bibel ernsthaft. Das verdient Respekt.

Aber die Zersplitterung bleibt ein Zeichen dafür, dass „nur die Bibel“ praktisch oft nicht genügt, wenn kein verbindlicher Auslegungsrahmen anerkannt wird. Noch deutlicher wird es bei Gruppen wie den Zeugen Jehovas: Auch dort wird mit Bibelstellen argumentiert, aber zentrale Wahrheiten des christlichen Glaubens werden verlassen.

Was wir trotzdem lernen können

Gleichzeitig muss man ehrlich sagen: Im katholischen Raum wird die Bibel oft viel zu wenig gelesen. Viele Protestanten beschämen uns hier im besten Sinn. Ihre Liebe zur Heiligen Schrift, ihre Selbstverständlichkeit im Bibellesen, ihr Vertrauen, dass Gott durch sein Wort wirklich spricht: Davon können wir lernen.

Ein freundlicher Mönch kopiert in einer Schreibstube sorgfältig die Heilige Schrift
Vor Copy-and-paste gab es Feder, Geduld und sehr viel Kaffee. Oder zumindest etwas Warmes im Becher.

Daraus folgt aber nicht, dass die Schrift in der katholischen Tradition keine Rolle spiele oder nur eine untergeordnete. Das Gegenteil ist wahr. Über Jahrhunderte vor dem Buchdruck haben Mönche die Heilige Schrift immer wieder abgeschrieben, bewahrt und weitergegeben. Klöster waren Orte, an denen Gottes Wort nicht nur gelesen, sondern gebetet wurde.

Auch die Liturgie zeigt, welchen Rang die Schrift hat. In jeder Messe wird aus der Heiligen Schrift gelesen. Beim Evangelium steht die Gemeinde auf. Das Evangeliar wird feierlich getragen, verehrt und geküsst. Das ist keine Randnotiz, sondern ein sichtbares Zeichen: Christus spricht in seinem Wort zu seiner Kirche.

Ein Evangeliar wird in einer katholischen Messe feierlich getragen, während ein Kind neugierig zuschaut
Wenn das Evangelium kommt, steht die Kirche auf. Ziemlich viel Wertschätzung für ein angeblich nebensächliches Buch.

Die katholische Antwort auf mangelndes Bibellesen ist deshalb nicht weniger Kirche, sondern mehr echte katholische Bibelliebe: die Schrift häufig lesen, im Herzen bewegen, in der Liturgie hören und im Glauben der Kirche verstehen.

Katholisch lesen heißt ganz lesen

Katholische Bibelauslegung will die ganze Schrift, den ganzen Christus und den ganzen Glauben zusammenhalten. Sie trennt Jesus nicht von seiner Kirche, Gnade nicht von Sakramenten, Glauben nicht von Liebe, Bibel nicht von Tradition.

Das ist nicht immer bequem. Aber es ist befreiend. Denn ich muss den Glauben nicht neu erfinden. Ich darf empfangen, was größer ist als ich.

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Dieses Projekt ist der humorvolle Einstieg. Der Bibel-Coach ↗ hilft dir, die Schrift persönlicher und zugleich kirchlich zu lesen. Weitere katholische Projekte findest du auf FaithOS ↗.